Wissensmanagement im Entstehungsprozess eines selbstorganisierten Wohnprojekts

Teil 5 Externe Beratung beauftragen

von Claudia Handl, Bielefeld (Stand: 22.02.2022)

In Teil 2 der Artikelreihe wurde der Wissensbedarf ermittelt, in Teil 3 und Teil 4 wurden Wege gezeigt, diesen Wissensbedarf durch interne Ressourcen zu decken. Nun werden die Grenzen dessen und alternative bzw. ergänzende Möglichkeiten aufgezeigt.

Eigenes Wissen vs. fremdes Wissen

Grundgedanke eines selbstorganisierten Wohnprojekts ist, mit eigenem Wissen so viel wie möglich selbst zu (er-) schaffen.

Vorteile sind u.a.:

  • weitgehende Freiheit und Selbstbestimmtheit,
  • hohe Identifikation mit dem Wohnprojekt,
  • Kostenersparnis.

Die Verwendung eigenen Wissens hat allerdings ihre Grenzen, die in Folgendem liegen:

  • Die Aneignung von Wissen über Wohnprojekte ist eine große Herausforderung und kann sehr kräftezehrend und langwierig sein (1), insb. soweit es sich um komplexe Fragen handelt und hoher Anspruch an die Professionalität zu stellen ist.
  • Falls einzelne Gruppenmitglieder wesentliche Bestandteile dieses Wissens bereits mitbringen, verringert das einerseits diese Gefahren, kann aber andererseits zu einer zeitlichen Überforderung dieser Mitglieder führen, insb. wenn die Arbeit ausschließlich ehrenamtlich erfolgt.
  • Bei einigen Aufgaben kann es zielführender sein, wenn sie nicht aus der Gruppe heraus, sondern von einer außenstehenden, neutralen Person ausgeführt werden, z.B. Aufgaben im Zusammenhang mit Gruppenprozessen.

Die Kosten für eine externe Beratung werden häufig gescheut. In der Studie von Spellerberg u.a. wird von “viel Überzeugungsarbeit” berichtet (2). Die Studie von TransNIK hat ergeben, dass in allen dort untersuchten Bottom-Up-Projekten das für ein mehr oder minder langes „Selbst-Probieren“ erforderliche hohe Maß an zeitlichen und mentalen Ressourcen dazu führte, dass letztlich doch entweder externer Sachverstand „hinzugekauft“ oder die Kooperation mit einem Träger eingegangen wurde (3).

So ist es ein (möglichst frühzeitiges) Abwägen der Vor- und Nachteile von Selbstorganisation und dem dadurch entstehenden Wissensbedarf, welche Prozesse selbst organisiert werden und das dafür erforderliche Wissen entwickelt wird und welche Prozesse besser abgegeben werden, um den Entstehungsprozess zu beschleunigen.

Wissen über externe Beratungsangebote

Ergibt der Abwägungsprozess, dass ein bestimmtes Maß an externer Begleitung des Entstehungsprozess sowohl sinnvoll als auch finanzierbar ist, beginnt die Suche nach spezialisierten Angeboten in den Bereichen Wohnprojektberatung, Projektbetreuung, Recht, Finanzen, Steuern, Architektur, Baubegleitung, Gruppenprozesse u.a.

Es entsteht also auch hier wieder ein Wissensbedarf: ein Bedarf an Wissen über Beratungsangebote.

Das Forum gemeinschaftliches Wohnen entwickelt zur Zeit eine umfangreiche Datenbank von Beratungsmöglichkeiten – bundesweit und bundeslandbezogen.

Die Stiftung trias führt eine Datenbank von Berater*innen verschiedener Fachrichtungen, mit PLZ-Suche.

Das Wissen über Beratungsangebote wird also zunehmend systematisch erfasst und erleichtert es den Wohnprojekten, eine passende Beratung zu finden.

Noch ausbaufähig erscheinen dagegen die Beratungsangebote selbst (4). Die Datenbanken zeigen, dass die Fachbereiche recht unterschiedlich stark vertreten sind. Die Studie von TransNIK beklagt, dass es – insbesondere außerhalb von Metropolen – an spezialisierten Institutionen fehlt, die Beratung und Dienstleistungen über die ganze Projektentwicklung hinweg anbieten und dabei zugleich die Marke “Gemeinschaftliches Wohnen” präsenter machen (5).

Wie geht es jetzt weiter?

In den Teilen 2-5 ging es vor allem um den Wissensbedarf: Welcher Wissensbedarf entsteht, wie kann er gedeckt werden, welche Alternativen gibt es? In den folgenden Teilen der Artikelreihe geht es um das entstandene Wissen: Wie kann es festgehalten werden? Wie kann es geteilt werden? Und wie kann die Nutzung sichergestellt werden?

(1) Annette Spellerberg u.a.  Neue Wohnformen – gemeinschaftlich und genossenschaftlich. Erfolgsfaktoren im Entstehungsprozess gemeinschaftlichen Wohnens, Springer 2018, S. 48,50; TransNIK-Werkstattbericht: Faktoren der Entstehung gemeinschaftlicher Wohnprojekte https://www.transnik.de/transnik-wAssets/docs/Fallstudienbericht_Wohnen_final_korr_Mai_2018.pdf, S. 61

(2) Annette Spellerberg u.a., a.a.o., S. 61

(3) TransNIK, a.a.O., S. 61

(4) vgl. z.B. Annette Spellerberg u.a., a.a.o., S. 61

(5) TransNIK, a.a.O., S. 108, 112f.