Wissensmanagement im Entstehungsprozess eines selbstorganisierten Wohnprojekts

Teil 2 Wissensbedarfe ermitteln

von Claudia Handl, Bielefeld (Stand: 01.02.2022)

Nach der Einführung in Teil 1 der Artikelreihe geht es nun darum, die Wissensbedarfe im Entstehungsprozess eines selbstorganisierten Wohnprojekts zu ermitteln.

Art und Umfang der Wissensbedarfe

Der erste Baustein von Wissensmanagement beinhaltet die Ermittlung der Wissensbedarfe. Wissensbedarfe entstehen zunächst unabhängig davon, wie sie nachfolgend gedeckt werden, ob etwa intern in der Gruppe oder extern durch Dienstleister.

In einem Wohnprojekt findet Wissen aus vielen Bereichen Anwendung: Soziales, Recht, Finanzen, Verwaltung, Bauwesen und Architektur, Umwelt- und Klimaschutz, Gartenbau, Medien, IT, Pädagogik, Psychologie, Hauswirtschaft, Freizeit u.a.

In welchem Umfang dieses Wissen jeweils erforderlich ist und entsprechende Wissensbedarfe hervorruft, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einige werden nachfolgend skizziert.

Entstehungsphasen

Die Entwicklung eines Wohnprojekts läuft typischerweise in mehreren Phasen ab (1). Nach der Phase der Orientierung folgen Konzeptionierung, Konkretisierung und Umsetzung, um schließlich in der Wohnphase anzukommen. Mit diesem Ablauf verändern sich auch die Wissensbedarfe:

Mit jeder Phase kommen neue Wissensbedarfe hinzu. Welche das genau sind, hängt auch von vorangegangenen Entscheidungen ab. Wurde z.B. in der Phase der Konzeptionierung beschlossen, dass das Wohnprojekt von einer eigenen Genossenschaft getragen werden soll, entsteht nachfolgend ein großer Bedarf an Wissen über Genossenschaften.

Umgekehrt erledigen sich auch Wissensbedarfe. Ist z.B. über die Trägerschaft entschieden, ist das Wissen über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle grundsätzlich obsolet. Allerdings kann es aus verschiedenen Gründen hilfreich sein, die Motive, die für die Entscheidung relevant waren, als Wissen über das Wohnprojekt festzuhalten.

Es gibt auch phasenunabhängige Wissensbedarfe. Diese sind permanent relevant, bedürfen einer ständigen Weiterentwicklung und neuer Lösungen. Dazu gehört z.B. die Gruppenentwicklung/Gemeinschaftsbildung, die parallel zu allen Phasen verläuft und niemals aufhört.

Selbstorganisationsgrad

Geht die Initiative für ein Wohnprojekt von einer privaten Gruppe aus (“bottom-up”-Modell) und will diese möglichst selbstbestimmt bleiben und sich damit so weit wie möglich selbstorganisiert entwickeln, so ist deutlich mehr eigenes Wissen erforderlich als wenn die Initiative von einem Träger, z.B. einem Investor oder einer Wohnungsbaugenossenschaft ausgeht (“top-down”-Modell) entwickelt wird und dieser wesentliche Aufgaben übernimmt.

Innovationsgrad

Jedes Wohnprojekt ist anders. Inzwischen gibt es zwar eine Vielzahl von Materialien und Unterstützungsangeboten, die Blaupause aber gibt es nicht. Das gilt umso mehr, je innovativer oder experimenteller das Wohnprojekt ist bzw. sein möchte. Ist z.B. eine besondere Architektur geplant, besteht ein deutlich höherer Wissensbedarf über baurechtliche Möglichkeiten als bei einer Standard-Bauweise.

Gruppenentwicklung

Mit den genannten Entstehungsphasen entwickelt sich die Gruppe. Es gibt Wohnprojektmitglieder,

  • die von Anfang an dabei sind, vielleicht zur Kerngruppe gehören,
  • die im Laufe der Zeit, manchmal erst kurz vor Fertigstellung, dazu kommen,
  • die sich vorübergehend zurückziehen, dann aber wiederkommen.

Die Wissensbedarfe dieser Menschen sind sehr unterschiedlich. Die Mitglieder, die sehr früh dabei sind und das Wohnprojekt mitentwickeln, haben einen großen Bedarf an Fachwissen über Wohnprojekte. Die später hinzukommenden Mitglieder haben Bedarf an Wissen über das Wohnprojekt. Alle Mitglieder haben ab und zu auch einen Bedarf an Auffrischung von Wissen, z.B. “wann wurde schon mal ein Beschluss zum Thema X gefasst und mit welchem Ergebnis?”.

Einige Wohnprojektmitglieder verlassen das Wohnprojekt auch wieder, manchmal nach langjähriger und intensiver Mitarbeit. Das kann dazu führen, dass ein großer Wissensschatz verloren geht – sowohl für das einzelne Wohnprojekt als auch ggf. das Netzwerk, zu dem das Wohnprojekt gehört.

Aufgaben und Wissensbedarfe

Damit das Wohnprojekt entstehen kann, sind komplexe Aufgaben zu bewältigen. Die Aufgaben werfen wiederum eine Vielzahl von Fragestellungen auf und wecken damit Wissensbedarfe.

Eine der ersten Aufgaben ist es, herauszufinden, welche Aufgaben in einem Wohnprojekt anfallen. Im Folgenden werden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) wesentliche Aufgaben und deren Fragestellungen bzw. Wissensbedarfe skizziert (2):

  • Wofür ist die Bildung einer Kerngruppe gut?
  • Wie groß sollte die Kerngruppe sein?
  • Wie sollte die Kerngruppe zusammengesetzt sein?
  • Welche ersten Aufgaben hat die Kerngruppe?

  • Warum ist für uns eine frühzeitige Verständigung über Grundsatzfragen sinnvoll?
  • Was sind unsere Werte und Ziele? Wie können wir diese herausfinden?
  • Welche zeitlichen Ziele haben wir? Wie realistisch sind diese?
  • Wie innovativ/experimentell wollen wir sein?
  • Wie basisdemokratisch bzw. hierarchisch wollen wir sein?
  • Was sind die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Gruppengrößen?
  • Wie divers wollen wir sein? Was ist überhaupt Diversität?
  • Wie sehen unsere finanziellen Möglichkeiten aus?
  • Welche Modelle gibt es und welche kommen für uns in Frage?
  • Haben wir Standort-Prioritäten? Was ist dabei alles zu bedenken?
  • Wollen wir einen Neubau oder Bauen im Bestand? Was spricht jeweils dafür und dagegen?

  • Auf welchen Wegen wollen wir weitere Projektmitglieder gewinnen?
  • Welche Kennenlern-Formate gibt es und welche passen zu uns?
  • Wie können wir Interessierten einen aussagekräftigen Einblick in unser Projekt geben?
  • Wie könnte der formale Prozess der Aufnahme in das Projekt aussehen?
  • Wie können wir das Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe fördern?
  • Was gehört zu einer funktionierenden Kommunikationskultur?
  • Wie wollen wir mit Konflikten umgehen?
  • Wie schaffen wir Vertrauen und Verbindlichkeit?
  • Welche Ansprüche an Art und Umfang der Mitarbeit bestehen?

  • Welche Aufgaben stehen an und wie lassen sich diese sinnvoll auf Arbeitsgruppen verteilen?
  • Wie ordnen wir uns den Arbeitsgruppen zu?
  • Wie häufig und auf welche Art wollen wir uns treffen?
  • Wie wollen wir unsere Treffen moderieren?
  • Wie wollen wir unsere Protokolle gestalten?
  • Wie wollen wir unsere Entscheidungsstrukturen gestalten?
  • Welche Entscheidungsmethoden gibt es und welche wollen wir anwenden?
  • Wollen wir ein Wissensmanagementsystem einführen? Was spricht dafür und dagegen? Welche Bestandteile soll es haben?

  • Wie soll die Gruppe konkret zusammengesetzt sein?
  • Welche Trägerschaft streben wir an?
  • Mit welchen Rechtsformen wollen wir diese umsetzen?
  • Wollen wir uns gemeinnützig betätigen?
  • Wie wollen wir das Projekt finanzieren?
  • Soll es solidarische Finanzierungsbestandteile geben?
  • Wollen wir bauliche Eigenleistungen erbringen?
  • Welche Architektur und bauliche Ausstattung wollen wir?
  • Wir große sollen die Wohnungen sein?
  • Welchen Wohnstandard sollen die Wohnungen haben?
  • Welche Räume für gemeinschaftliche Nutzungen wollen wir?
  • Soll es Sharing-Ansätze geben und wie sollen diese konkret aussehen?
  • Wollen wir Versorgungssettings schaffen, wenn ja welche?
  • Welche ökologischen Ansprüche haben wir und wie können wir diese verwirklichen?

  • Wer sind unsere Ansprechpartner in Politik und Verwaltung?
  • Gibt es örtliche und überörtliche Beratungsstellen?
  • Gibt es in unserer Stadt/Region ein Netzwerk gemeinschaftlicher Wohnprojekte?
  • Gibt es andere Wohnprojekte, die wir besuchen können?
  • Gibt es spezialisierte Fachleute, mit denen wir in Kontakt treten können?

  • Wie finden wir ein Grundstück und/oder einen Investor?
  • Was ist bei der Standortwahl zu beachten?
  • Gibt es am Ort bestimmte Vergabeverfahren von Grundstücken?
  • Gibt es am Ort Investoren, die bereits Erfahrung mit Wohnprojekten haben?

  • Welche Verträge sind abzuschließen?
  • Gibt es Besonderheiten für gemeinschaftliche Wohnprojekte?
  • Was sind die wesentlichen Vertragsinhalte?
  • Wer führt die Vertragsverhandlungen?

  • Brauchen wir einen wirtschaftlichen Berater/Finanzwächter?
  • Wie sind Kaufpreis/Baukosten/Mietkosten zu kalkulieren?
  • In welcher Höhe brauchen wir Eigen- bzw. Fremdkapital?
  • Welche Möglichkeiten der Beschaffung gibt es dafür?
  • Wie kommen wir an Fördergelder?
  • Wie verteilen wir die Kosten der gemeinschaftlichen Räume und Anschaffungen?
  • Wie stellen wir unsere Liquidität sicher?
  • Benötigen wir Haushaltspläne?

  • Was können wir selbst leisten, was vergeben wir?
  • Wie gewinnen wir die Fachleute für Architektur und Bauen?
  • Nach welchen Kriterien wählen wir diese aus?
  • Welche baurechtlichn Vorgaben gibt es?
  • Welche konkreten Anforderungen haben wir an Grundrisse, Ausstattung, Materialien, Haustechnik, Außenanlagen?
  • Wie organisieren wir unsere Baustellenbesuche?
  • Wir organisieren wir unsere Eigenleistungen?

  • Welche Pflichten hat unsere Geschäftsführung?
  • Wofür ist unsere Mitgliederversammlung, wofür unsere Geschäftsführung zuständig?
  • In welchem Verhältnis stehen unsere formalen Gremien und unser Plenum?
  • Wie organisieren wir die Kassenführung?
  • Welche steuerlichen Pflichten haben wir?
  • Was müssen wir datenschutzrechtlich beachten?
  • Welche Versicherungen sollten wir abschließen?
  • Welche weiteren Pflichten gibt es?

  • Wie stellen wir Kontakt zur Presse und zu anderen Medien her?
  • Wie schreiben wir gute Presseartikel?
  • Wollen wir eine Website? Wie soll sie aussehen?
  • Wollen wir soziale Medien nutzen? Welche?
  • Wollen wir öffentliche Veranstaltungen durchführen? Wie planen wie sie?
  • Wollen wir Broschüren, Flyer, Postkarten verteilen? Welche Inhalte sollen diese haben?
  • Wollen wir einen Podcast machen? Was brauchen wir dafür?

Die dargestellten Faktoren für den Wissensbedarf sowie die Übersicht über wesentliche Aufgaben und ihre Fragestellungen sollen dazu beitragen, bereits in der Anfangsphase des Wohnprojekts ein Bewusstsein für die Komplexität der Herausforderung zu entwickeln. Die Komplexität beinhaltet auch, dass es immer wieder zu unerwarteten neuen Herausforderungen kommen kann. Das bedeutet, dass nicht alle Wissensbedarfe von Anfang an ersichtlich sind und einfach nur abgearbeitet werden müssen.

Das geschaffene Bewusstsein soll aber helfen, die folgenden Schritte anzugehen, u.a.: Welches Konzept passt zu uns? Wieviel “bottom-up” wollen wir und können wir bewältigen? Wie verteilen wir die Aufgaben bzw. Rollen? Und nicht zuletzt: Wie decken wir unseren Wissensbedarf?

Im nachfolgenden Teil 3 der Artikelreihe soll gezeigt werden, wie intern vorhandenes Wissen u.a. Ressourcen identifiziert werden können und wofür das gut ist.

In der Übersicht der Artikelreihe sind alle erschienenen Artikel verlinkt.

(1) Dass die Entstehung eines Wohnprojekts in Phasen verläuft, ist Bestandteil fast aller Leitfäden zum gemeinschaftlichen Wohnen.  Bezeichnung und Abgrenzung der Phasen unterscheiden sich im Detail, laufen aber letztlich auf das Gleiche hinaus. Klar ist auch, dass die Übergänge fließend sind.

(2) Ähnliche Übersichten finden sich ebenfalls in vielen Leitfäden, z.B. im Leitfaden vom Netzwerk Leipziger Freiheit: https://www.netzwerk-leipziger-freiheit.de/wissen/das-wohnprojekt-1×1/