Wissensmanagement im Entstehungsprozess eines selbstorganisierten Wohnprojekts

Teil 1 Was ist Wissensmanagement und wozu ist es gut?

von Claudia Handl, Bielefeld (Stand: 26.01.2022)

Erfahrungen und Untersuchungen deuten darauf hin, dass das Vorhandensein bzw. die Schaffung von Wissen ein (Erfolgs-) Faktor für die Entstehung eines Wohnprojekts ist (1). Gleichzeitig zeigt die Bildung von Netzwerken gemeinschaftlicher Wohnprojekte, dass der Wunsch nach Austausch von Wissen groß ist.

Wissensmanagement gewinnt im bürgerschaftlichen Engagement zunehmend an Bedeutung (2) und kann sowohl selbstorganisierte Wohnprojekte in ihrer Entstehung unterstützen als auch das Teilen von Wissen in einem Netzwerk fördern.

Die nachfolgende Artikelreihe unternimmt den Versuch, ein Wissensmanagementkonzept  für selbstorganisierte Wohnprojekte zu entwickeln. Es soll gezeigt werden, welche Vorteile ein solches Konzept bietet, aus welchen Bausteinen es bestehen könnte und wie es sich umsetzen lässt.

Sie richtet sich in erster Linie an Wohnprojekte, die sich noch in der Orientierungs- bzw. am Beginn der Konzeptionierungsphase befinden. Dort können die Überlegungen zum Wissensmanagement von Anfang an mitberücksichtigt werden. Sie ist aber auch für fortgeschrittene bzw. bereits realisierte Wohnprojekte interessant. Manches erkennen sie vielleicht wieder, anderes entdecken sie neu und können es noch umsetzen.

Nicht zuletzt richtet sich die Artikelreihe an alle Beteiligten und will sie motivieren, ihr Wissen (noch mehr) zu teilen. Dafür werden geeignete Formate vorgestellt.

Die Herausforderung ist groß

„Die Anfangsphase eines jeden Wohnprojekts ist anarchisch“, schreibt Lisa Frohn (3). Dass das nicht so bleiben kann, wird den Beteiligten meist schnell klar: Die Aufgaben und Fragestellungen sind komplex. Die zeitlichen Ressourcen sind knapp. Die Herausforderung ist groß. Es sind Strukturen erforderlich.

Mit den Aufgaben wächst das Wissen

Ein Wohnprojekt ist eine lernende Organisation. Stellt es sich der Herausforderung, wächst sehr schnell das Wissen:

Expertenwissen verschiedener Fachgebiete ist vielleicht schon zu Beginn vorhanden (4). Das wohnprojektbezogene spezielle Wissen muss aber meistens erst entwickelt werden.

Das Wissen entsteht zunächst in den Arbeitsgruppen, muss aber in der größeren Gruppe geteilt werden, weil dort die wesentlichen Entscheidungen getroffen werden.

Es entsteht umfangreiches Organisationswissen: Es werden Beschlüsse gefasst, Protokolle, Checklisten und Formulare erstellt, Pressemitteilungen herausgegeben, Verträge entworfen usw. Und das alles von unterschiedlichen Personen an verschiedenen Orten und in immer wieder neuen Versionen.

Menschen kommen und gehen. Die Menschen, die neu einsteigen, wollen das Wohnprojekt kennen lernen, aber auch ihr eigenes Wissen einbringen. Die Menschen, die das Wohnprojekt verlassen, nehmen oft einen wertvollen Wissensschatz mit.

Nicht zuletzt ist das gesammelte Wissen für neu entstehende Wohnprojektinitiativen von großem Wert.

Was ist Wissen?

Es gibt viele Diskussionen um diesen Begriff. Hier wird der Begriff in einem weiten Sinne verstanden, d.h.:

  • er schließt theoretisches und praktisches Wissen, Erfahrungswissen und Methodenwissen sowie Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen ein,
  • er reicht vom Alltagswissen bis zum Expertenwissen,
  • er unterscheidet nicht, ob das Wissen privat oder beruflich, haupt- oder ehrenamtlich erworben wurde.

Das Wissen will gemanagt werden

Wissen kann sich selbst, vielleicht auch ein wenig dem Zufall, überlassen werden. Der Umgang mit Wissen kann aber auch systematisch erfolgen. Das ist dann Wissensmanagement.

Wissensmanagement bewirkt, dass das erforderliche Wissen in einem geeigneten Format zum richtigen Zeitpunkt bei der Person/Personengruppe ankommt, die es für ihre Entscheidungen bzw. Handlungen benötigt.

Wissensmanagement erfordert zusätzlichen Aufwand und ob sich dieser für ein Wohnprojekt lohnt, hängt davon ab, ob dadurch Vorteile erzielt werden. Es spricht einiges dafür:

  • Es kann den Entstehungsprozess insgesamt beschleunigen, weil
    • es von Anfang an ein Bewussstein für die Relevanz von Wissen schafft,
    • dadurch auch die Selbstorganisation fördert,
    • Kommunikation und der Austausch von Wissen verbessert werden,
    • Mehr- und Doppelarbeiten vermieden und Suchzeiten gespart werden,
    • neuen Projektmitgliedern Einstieg und Überblick erleichtert werden.
  • Es kann eine demokratische und stabile Gruppenentwicklung fördern,
    • weil die Transparenz der Abläufe und Ergebnisse erhöht wird
    • und damit Vertrauen, Identifikation und Verbindlichkeit steigen.
  • Es steigert die Professionalität des Wohnprojekts, was insbesondere für die Zusammenarbeit mit externen Akteuren wichtig ist (5).

Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass es nicht zu einer “Überprofessionalisierung” oder gar “Bürokratisierung” kommt, denn Ziel ist letztlich das gemeinsame Wohnen und vieles davor ist “nur” der Weg dorthin.

Aufbau der Artikelreihe

Die Artikelreihe lehnt sich an das Konzept der “Bausteine des Wissensmanagements” (6) an, das praxisorientiert und leicht verständlich ist.

Dabei werden folgende Bausteine näher betrachtet:

  • Wissensbedarfe ermitteln: Wovon hängen die Wissensbedarfe ab und welche Inhalte haben sie?
  • Wissen schaffen: Wie können die Wissensbedarfe gedeckt werden?
    • Vorhandenes Wissen identifizieren: Welches Wissen (und angrenzende) Ressourcen bringen die Gruppenmitglieder mit?
    • Internes Wissen (weiter-) entwickeln: Welche Wissensquellen gibt es dafür?
    • Externe Beratung beauftragen: Wie sinnvoll ist sie und wie findet sie sich?
  • Wissen speichern: Wie kann das entstehende Wissen so gespeichert werden, dass es schnell und transparent auffindbar ist?
  • Wissen teilen: Wie kann das Wissen so geteilt werden, dass es gemeinschaftliches Wissen wird?
  • Wissen nutzen: Wie kann sichergestellt werden, dass das entwickelte Wissen auch genutzt wird.

Darauf aufbauend werde dann einzelne Aspekte der Umsetzung betrachtet:

  • Wie hängen Organisationskultur und Wissensmanagement zusammen?
  • Was sind geeignete erste Schritte für eine Umsetzung?
  • Welche digitalen Tools können helfen?
  • Wer kümmert sich um das alles?
  • Welche Rolle können Verbände und Netzwerke dabei spielen?

Die Artikel erscheinen nicht auf einmal, sondern nach und nach in 1-2-wöchigen Abständen.

In einer Übersicht der Artikelreihe sind alle erschienenen Artikel verlinkt.

(1) z.B. Annette Spellerberg u.a.  Neue Wohnformen – gemeinschaftlich und genossenschaftlich. Erfolgsfaktoren im Entstehungsprozess gemeinschaftlichen Wohnens, Springer 2018, insb. S. 45-54; TransNIK-Werkstattbericht: Faktoren der Entstehung gemeinschaftlicher Wohnprojekte – Eine Analyse von sechs Fallbeispielen auf Basis der Multi-Level-Perspektive , 2018, insb. S. 59-62, veröffentlicht unter https://www.transnik.de/transnik-wAssets/docs/Fallstudienbericht_Wohnen_final_korr_Mai_2018.pdf

(2) Vor kurzem hat z.B. die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt ein vierteiliges Online-Seminar zum Wissensmanagement im Verein durchgeführt: https://www.deutsche-stiftung-engagement-und-ehrenamt.de/dseeerklaert/wissensmanagement/

(3) Lisa Frohn: Ab ins Wohnprojekt! Wohnprojekte werden Wirklichkeit. oekom 2018, Zitat S. 311

(4) Annette Spellerberg u.a., a.a.O., S. 47 (eher ja); TransNIK, a.a.O., S. 59 (eher nein)

(5) Annette Spellerberg u.a., a.a.O., S. 48

(6) Gilbert Probst u.a. haben das Konzept der Bausteine des Wissensmanagements entwickelt, vgl. Probst u.a.: Wissen managen, 7. Auflage, Springer 2012.