Wissensmanagement im Entstehungsprozess eines selbstorganisierten Wohnprojekts

Teil 7 Wissen teilen

von Claudia Handl, Bielefeld (Stand: 01.07.2022)

In Teil 6 der Artikelreihe ging es darum, das in einem Wohnprojekt entstehende Wissen in geeigneter Form zu speichern. Das Speichern von Wissen ist eine wesentliche Voraussetzung für das Teilen von Wissen.

Wissen zu teilen bedeutet, andere Menschen oder Gruppen (unentgeltlich) am eigenen Fach- und Erfahrungswissen teilhaben zu lassen. Die Grenzen zu den anderen Wissensbausteinen sind dabei fließend.

Im Folgenden werden besondere Formate vorgeschlagen, die bei den Wissensempfänger*innen zu einem Mehrwert führen. Die Formate sparen (ehrenamtliche) Zeit und Kosten. Abläufe und Entscheidungen werden vereinfacht und verbessert.

Wissen innerhalb des Wohnprojekts informell teilen

Was ist der Stand der Dinge? Womit beschäftigen wir uns gerade? Gibt es was Neues?  Wie bringe ich mich persönlich gerade ein? Was gefällt mir, was nervt mich?

Das alles sind Fragen, über die gerne informell gesprochen wird und in Wohnprojekten eine wichtige Funktion haben.

Gelegenheiten gibt es einige:

  • gemeinsame Freizeitaktivitäten
  • Treffen an der Baustelle
  • Teilnahme am Stammtisch
  • Zusammensitzen vor und nach dem Plenum.

Einen gemeinsamen ständigen Ort gibt es in der Planungsphase meist noch nicht, so dass es sinnvoll sein kann, ein

  • digitales schwarzes Brett

einzurichten, das für alle einfach zugänglich ist und mit Neuigkeiten und Informationen bestückt werden kann.

Wissen über das Wohnprojekt mit Wohnprojektinteressierten teilen

Wie kann Wohnprojektinteressierten das Konzept des Wohnprojekts vermittelt werden? Auch hier gibt es unterschiedlichste Formate, sowohl analog als auch digital, zum Lesen, zum Hören und zum Gucken, z.B.

  • Informationsveranstaltungen
  • Stammtisch
  • Flyer
  • Website
  • Infografiken
  • Erklärvideos
  • Podcasts
  • Newsletter.

Wissen über das Wohnprojekt mit Kooperationspartnern teilen

Auch (potenzielle) Kooperationspartner haben einen erheblichen Wissensbedarf. Hier bieten sich z.B. an:

  • Ein Steckbrief des Wohnprojekts
  • Ein spezieller Bereich auf der Website, der verschiedene Gruppen von möglichen Kooperationspartnern anspricht
  • Ein ausgearbeitetes Konzept, dessen Schwerpunkte und Umfang an die speziellen Interessen des jeweiligen Kooperationspartners angepasst werden können
  • Eine Projektpräsentation.

Wissen über das Wohnprojekt in einem Projekthandbuch als „zentrales Dokument“ teilen

Ein Wohnprojekt entwickelt sich ständig weiter. Das gilt insbesondere im Entstehungsprozess. Es werden Ausgaben verteilt, es bilden sich Arbeitsgruppen. Es wird diskutiert und es werden Beschlüsse gefasst. Das Konzept entsteht. Die Gruppe vergrößert und verändert sich. Methoden werden ausprobiert. Dokumente entstehen. Die Finanzen verändern sich.

Es ist nicht immer einfach, den Überblick zu behalten oder zu erhalten. Neue Wohnprojektmitglieder wollen und sollen wissen, was bereits gelaufen ist und wie es dazu gekommen ist. Und auch vorhandene Wohnprojektmitglieder müssen und sollten von Zeit zu Zeit ihr Wissen auffrischen.

Vor diesem Hintergrund wird hier vorgeschlagen, von Anfang an das wesentliche Wissen in einem Projekthandbuch festzuhalten.

Bestandteile dieses Projekthandbuchs können z.B. sein:

  • Aktueller Stand des Konzepts, bei Grundsatzentscheidungen mit Angabe der wesentlichen Gründe, die dazu geführt haben,
  • Beschlusssammlung und Protokolle,
  • Aktuelle Mitgliederliste,
  • Aktuelle Kooperationspartner,
  • Methoden, z.B. für die Moderation, Entscheidungsfindung und Konfliktlösung,
  • Aktuelle Aufgaben und Zusammensetzung der Arbeitsgruppen,
  • Aktueller Stand der Finanzen,
  • Satzungen und Verträge,
  • Datenschutzkonzept,
  • Dokument-Vorlagen und Checklisten,
  • … .

Es wird empfohlen, das Projekthandbuch digital in einer Cloud zur Verfügung zu stellen. Nur so ist sichergestellt, dass es dynamisch weiterentwickelt und von allen Beteiligten in derselben aktuellen Version genutzt wird. Außerdem sollte es klare und verbindliche Zuständigkeiten für die laufende Pflege des Projekthandbuchs geben.

Das entstehende Erfahrungswissen innerhalb des Wohnprojekts teilen

In einem entstehenden Wohnprojekt werden sehr viele Gespräche geführt und Beziehungen angebahnt, sei es mit Wohnprojektinteressierte, sei es mit Vertreter*innen von Politik und Verwaltung, möglichen Investoren, Projektträgern, Kreditgebern oder auch Seminaranbietern. Es werden Workshops und Veranstaltungen durchgeführt und Freizeitaktivitäten unternommen. Bei all dem werden viele Erfahrungen gesammelt, oft werden diese aber nicht reflektiert und für andere zugänglich gemacht.

Aus diesem Grund werden 2 Formate vorgeschlagen, die helfen sollen, die Erfahrungen festzuhalten und aus diesen zu lernen:

  • Lessons learned: In einem fest vorgegebenen Raster wird kurz nach einem Ereignis, z.B. ein Gespräch mit einem potenziellen Investor oder der Durchführung einer Infoveranstaltung, festgehalten, was gut lief, was schlecht lief und was beim nächsten Mal anders bzw. besser gemacht werden sollte (1).
  • Checkliste: Für häufig stattfindende Gespräche wird eine Checkliste aller zu besprechenden Punkte erstellt. Diese Checkliste wird ständig mit den Erfahrungen abgeglichen und weiterentwickelt.

Wissen für die Entscheidungsvorbereitung teilen

Die Arbeit in einem Wohnprojekt erfolgt arbeitsteilig. Meist werden dafür Arbeitsgruppen unterschiedlichster Art getroffen.

Wenn Entscheidungen zu treffen sind, entweder innerhalb der Arbeitsgruppe oder im Plenum bzw. der Mitgliederversammlung, sind die jeweils anderen darauf angewiesen, über die Entscheidungsalternativen

–  einerseits möglichst vollständig und transparent

–  andererseits aber auch möglichst einfach

informiert zu werden.

Für die Arbeitsgruppen ist das insbesondere bei komplexen Zusammenhängen, wie z.B. Rechtsformwahl und Finanzierung, eine große Herausforderung.

Sehr hilfreich können hierbei

  • Präsentationen einschließlich Visualisierungen

sein.

Wissen, das sich ein Wohnprojekt erarbeitet hat, mit anderen Wohnprojekte teilen

Die Bereitschaft dazu ist in der „Wohnprojekte-Szene“ sehr groß. Da gibt es zum einen das sehr große Angebot an Wissensquellen, das in Teil 4 der Artikelreihe zusammengestellt wurde. Das zeigen aber auch die zahlreichen Kontakte zwischen den Wohnprojekten, zum Teil informeller Art, zunehmend aber auch über Netzwerke organisiert.

Geeignete Formate für den Wissensaustausch innerhalb eines Netzwerks sind z.B.

  • Einrichtung einer „Community of practise“ oder auch eines “Stammtisches”
  • Weitergabe von “Lessons Learned”
  • Gegenseitiges Angebot von “Microfortbildungen”
  • Einrichtung einer Cloud, in der z.B. Adressen, Vorlagen, Formulare, Checklisten, Vertragsmuster, aber auch Kochrezepte und Spielideen für größere Gruppen geteilt werden.

Nachdem in den Teilen 1-7 zahlreiche Wissensbausteine und Formate dargestellt wurde, soll es im folgenden Teil 8 um die Umsetzung von Wissensmanagement im Wohnprojekt gehen.

In einer Übersicht sind alle Teile der Artikelreihe verlinkt.